Urvertrauen auf der Landstraße
Mein 3-tägiger Workshop zum Thema „Vertrauen und partnerschaftliches Miteinander“ war erfolgreich abgeschlossen, die Teilnehmer bereits abgereist. Dankbar und rechtschaffen müde setzte ich mich ins Auto und fuhr den Berg hinab Richtung Heimat. Ganz entspannt und gemütlich. So entspannt und gemütlich, dass sich auf der verschlafenen Landstraße langsam eine leicht ungeduldige Autoschlange hinter mit bildete.
Überholen war auf der engen, kurvigen Straße nicht möglich. Und so nutzte ich die nächste Kreuzung, irgendwo im Nirgendwo der österreichischen Voralpen, um die gereizte, eilfertige Meute an mir vorbeizulassen. Dann die Überraschung: Mitten auf der Kreuzung, von allen vorbeifahrenden Autos ignoriert, stand eine alte Frau (im Folgenden ‚Weiberl’ genannt) in buntem Trachtenkleid, wild und unbeholfen mit den Armen wedelnd, gar so, als ob sie Fliegen verscheuchen wollte.
Nachdem alle Fahrzeuge hinter mir vorbei waren, rollte ich zu ihr hin und ließ die Scheibe runter …
Um dem nun folgenden Dialog die Authentizität nicht zu nehmen, ist er im „Originalton“ abgedruckt, im Dialekt also. Die hochdeutsche Übersetzung befindet sich daneben. (W = Weiberl, M = Mia, das bin ich)
| W: | "Griaß di!" | "Ich grüße dich!" | |
| M: | "Griaß di!" | "Ich grüße dich auch!" | |
| W: | "Du, i muass noch Bod’n." | "Du, ich muss nach Baden." (Baden bei Wien) | |
| M: | "Du, i muass noch Wean." | "Du, ich muss nach Wien." |
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| Damit liegt Baden auf meiner Strecke. | |||
| W: | "Na guat is!" | "Das ist gut so!" | |
| Das Weiberl reißt die Tür auf und pflanzt sich auf meinen Beifahrersitz. | |||
| W: | "Na scheen is! Du – foah’ma!" | "Na das ist aber schön! Du – lass uns fahren!" | |
| ‚Cool’, denke ich mir. ‚Jetzt hab’ ich dieses bunte, wild gestikulierende Weiberl neben mir, die Tür ist zu und sie sagt einfach: Foah’ma’. | |||
| M: | "Na guat, foah’ma hoit!" | "Na gut, dann fahren wir eben!" | |
| W: | "Du, woaßt, i bin a Zithaschpülarin." | "Weißt du, ich bin eine Zither-Spielerin." | |
| M: | "Jo, scheen. Du, wo muasst denn hin in Bod’n?" | "Ja, schön. Du, wo musst du denn hin in Baden?" | |
| W: | "Zum Hauptplotz. I muass daunn um Fünfe beim Wirt’n schpü’n." | "Zum Hauptplatz. Ich muss dann um 17 Uhr beim Wirt spielen." | |
| Mir ist es recht, Baden liegt ohnehin auf meiner Strecke. Ich habe ein Auto, sie keines. Ich habe Zeit und Muße, also spiele ich Taxi. Bitte, gerne. | |||
Damit du besser verstehst, was jetzt kommt: Da ist diese einsame Kreuzung im Nirgendwo und dort steht das Weiberl. Ihr Ziel ist rund 60 Kilometer entfernt, und sie muss um spätestens 17 Uhr dort sein, um Zither zu spielen …
| W: | "Waßt, drei Moi die Woch’n muass i zu drei Wirt’n, um durt’n zu ana bestimmt’n Zeit zu schpü’n. Wohnen tua i anahoib Stunda zfuaß von da Kreizung weg. Und daunn foah i hoit zum Wirt’n." | "Weißt du, drei Mal in der Woche muss ich zu drei Wirten, um dort zu einer bestimmten Zeit zu spielen. Ich wohne eineinhalb Stunden Fußweg von der Kreuzung entfernt. Und dann fahre ich eben zum Wirt." | |
| M: | "Du host ka Auto? Des san sechs bis nein Stund’n Fuaßmarsch – Minimum – zum jeweulig’n Wirt’n, und daunn no a fixe Uahzeit, wos d’ duatn sei’ muasst …" | "Du hast überhaupt kein Auto? Das sind sechs bis neun Stunden Fußmarsch – Minimum – bis zum jeweiligen Wirt, und dann noch eine fixe Uhrzeit, zu der du dort sein musst …" | |
| W: | "I kumm imma pianktlich! Spedestens fünf Minut’n vor Schpübeginn!!!" | "Ich komme immer pünktlich! Spätestens fünf Minuten vor Spielbeginn!!!" | |
| Die Antwort ist laut, heftig und bestimmt. Ich wollt’ es ja nur wissen. Sie weiß offensichtlich, was Sache ist! ‚A sakrisch guats’ (ein verdammt gutes) Weiberl, denke ich bei mir. | |||
| M: | "Mit’m Autostopp’n?" | "Mit Autostoppen?" | |
| W: | "Jo, is’ so. Schau’ mi au, i bin Ochzig. Taugt da des?" | "Ja, ist so. Schau mich an, ich bin Achtzig. Gefällt dir das?" | |
| M: | "Ja, fesch und resch bist!" | (eine wörtliche Übersetzung würde den Sinn verfehlen) | |
| Breites Grinsen. Der einfache, ehrliche und neckende Schmäh ist immer noch der Erfrischendste. | |||
| M: | "Oiso guat, du bist Ochzig, gehst drei Moi die Woch’n anahoib Stund’ zu da Kreizung und von durt stoppst di umme zum Wirt’n. Des geht?" | "Also gut, du bist Achtzig, gehst drei Mal in der Woche eineinhalb Stunden zur Kreuzung und stoppst dich von dort zum Wirt? Das geht?" | |
| W: | "Jo, mei Bua, kloa geht des! Wos soi’ i daham umanaund sitz’n? Mei Leb’m is Schpü’n. De Zitha. Woaßt?!" | "Ja, mein Bub, klar geht das! Was soll ich daheim herumsitzen? Mein Leben ist Spielen. Die Zither. Weißt du?!" | |
| M: | "Und do kummt imma a Auto?" | "Und da kommt immer ein Auto?" | |
| W: | "Nau sicha, Bua! Und a Komplettgeschenk so wia du – direkt zum Wirt’n – is’ sö’tn. Maunchmoi san’s drei Geschenke. Drei Moi umsteig’n hoit. Woaßt eh!" | "Na sicher, Bub! Und ein Komplettgeschenk so wie du – direkt zum Wirt – ist selten. Manchmal sind es drei Geschenke. Drei Mal umsteigen halt. Weißt du doch!" | |
| M: | "Und des funktioniert?" | "Und das funktioniert?" (noch immer ungläubig) |
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| W: | "Nau sicha!!!" | "Na sicher!!!" | |
| M: | "Und in da Nocht beim Z’ruckfoah’n?" | "Und in der Nacht beim Zurückfahren?" | |
| W: | "Genau so! Maunchmoi hoit i sogoa den Zug fiar a Stickl au!" | "Genau so! Manchmal halte ich sogar den Zug für ein Stück an!" | |
| Es gibt viele Wege, die drei Gastwirte zu erreichen: Landstraße, Autobahn, Zug und Bus. Nur – diese Transportmittel sind alle erst ab halbem Weg zum Ziel verfügbar. Der eineinhalb-stündige Fußmarsch bleibt. Dann stoppt das Weiberl hauptsächlich Autos. | |||
| M: | "Na geht des denn imma mit’m Stopp’n?" | "Na, geht das denn immer mit dem Stoppen?" | |
| W: | "I moch’ des scho seit fünfazwanzg Joa’. Des is mei Fitness. Des is mei Lebm. Zitha, jo de Zitha! I sing und zupf. Und daunn, waunn des Leicht’n und de Tränan da Freid’ in de Aug’n von de Gäst’ san, bin i im Himme’! Mei,is des scheen!" | "Ich mache das schon seit 25 Jahren. Das ist meine Fitness. Das ist mein Leben. Zither, ja die Zither. Ich singe und ich zupfe. Und wenn dann das Leuchten und die Tränen der Freude in den Augen der Gäste sind, bin ich im Himmel. Ach, ist das schön!" | |
| M: | "Jo, sog, host a Hendi, a Intanet, an Fernseha?" | "Ja, sag einmal, hast du ein Handy, Internet, Fernsehen?" | |
| W: | "Nix hob i von oi’ dem. Fia wos? Waunn i beim Wirt’n bin, moch ma an Tog aus – song’ma in ana Woch’n am Mittwoch umma Fünfe, und daunn bin i hoit durtn." | "Ich habe nichts von all dem. Wofür denn? Wenn ich beim Wirt bin, dann machen wir einen Tag aus – sagen wir in einer Woche am Mittwoch um 17 Uhr, und dann bin ich halt dort." | |
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| W: | "Du, Bua, loss di ei’lod’na auf an Kaffee ois Daunke." | "Du, Bub, lass dich auf eine Kaffee als Dankeschön einladen." | |
| M: | "Woaßt, du host ma scho’ a G’schenk g’mocht, weu’st so bist, wia’st bist!" | "Weißt du, du hast mir bereits ein Geschenk gemacht, weil du so bist, wie du bist!" | |
| W: | "Hob i glei g’wusst, dass d’ a feina Bua bist, und fesch bist a no’. Nau waunn i jetzt nua vierz’g Joa’ jinga warat! Gott mit dir!" | "Habe ich gleich gewusst, dass du ein feiner Bub bist, und fesch bist du auch noch. Na, wenn ich jetzt nur vierzig Jahre jünger wäre! Gott mit dir!" | |
Flasch! Autotür zu. Weiberl weg. Verschwunden im Badener Menschenstrom. Ich bin sprachlos. Fühle mich beschenkt. Das Urvertrauen hat Menschenform. Es funktioniert, und wie! Der lebendige Beweis hat soeben mit mir gesprochen.

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