Spür‘ dich!
Quicklebendig wie ein Fisch im Wasser, quietschvergnügt und pudelwohl - so wollen wir uns fühlen, am liebsten 24 Stunden am Tag. Das Leben mit allen Sinnen lustvoll zu erfahren und zu genießen, ist unser Geburtsrecht und die ursprüngliche Daseinsform der Kindheit. Dir und mir und allen Menschen ist die Neugier und Offenheit der Welt und den Menschen gegenüber angeboren. Ob sie uns ein Leben lang erhalten bleibt, hängt nicht allein von unserer biologischen Natur ab, sondern vor allem von den sozialen und ökologischen Gegebenheiten, in denen wir aufwachsen und leben.
Ein Beitrag von Peter Cubasch, erschienen in der Zeitschrift WEGE (siehe Kontaktinfos und Angebot am Ende des Artikels)
Sitz still - sitz gerade - zappel nicht so herum - leg die Hände auf den Tisch…
Fass das nicht an - steck das nicht in den Mund - schau nicht so - musst du an allem riechen - die Hände gehören über die Decke - schau da nicht hin - das tut man nicht…
Ein Indianer kennt keinen Schmerz - sei nicht so eine Heulsuse, es gibt keinen Grund, traurig, wütend… zu sein - hör auf zu plärren, es ist doch gar nichts passiert - was gibt‘s denn da zu lachen…
Frag nicht so viel - das geht dich nichts an - du musst nicht alles wissen - dafür bist du noch zu klein - denk nicht so viel nach…
Schau mich an, wenn ich mit dir rede - gib schön die Hand - gib der Tante ein Busserl - Halt den Mund …
Pfui! - Aus! - Ruhe! - Platz!…
Was wir brauchen
Was Kinder brauchen, ist (genauso wie Erwachsene) gesehen, geliebt, berührt, empathiert und grundsätzlich wertgeschätzt zu werden. Sie sollten sich in einer Atmosphäre der Geborgenheit, der Sicherheit und des Wohlwollens zeigen können. Wer unter den freudigen Augen der Eltern seine Lebendigkeit ausdrücken kann - im Bewegen, Fühlen, Denken, Spüren - dem wird es höchstwahrscheinlich auch im späteren Leben nicht an Sinnlichkeit und Lebenslust, an Genussfähigkeit und Lebenssinn mangeln.
Vielen von uns geht dieses Lebensgefühl aber mit zunehmendem Alter verloren. Von der Lebenslust und der unerschöpflichen Energie des Anfangs bleibt dann nur noch ein „müdes Lächeln“ übrig. Jahrelanges viel zu viel, viel zu schnell, viel zu laut und blindes Engagement für Beruf und Karriere lassen das Gespür für die eigene Lebendigkeit und den Wert des Lebens verloren gehen. Gut versorgt aber schlecht gelaunt sehen wir dem Ende entgegen. Das Leben wird dann oft zum bloßen Überleben - und erst Schicksalsschläge, Krankheiten oder biologische Alterungsprozesse schrecken uns wieder auf:
Wo ist meine Lebendigkeit und Lebensfreude geblieben?
Was habe ich aus meinem Leben gemacht?
Welche Möglichkeiten habe ich noch?
Die Suche nach Antworten birgt die Chance in sich, unsere Lebensfreude unabhängig von Alter und Umständen wieder zu finden. Nicht so, wie damals in der Kindheit - diesmal achtsam und reifend. Wir können unseren Körper und den Atem bewusst neu kennenlernen, können die Bedeutung unserer Sinne umfassender verstehen und unsere Sinnlichkeit noch mehr genießen. Die Freude an unseren Ausdrucksmöglichkeiten in der Bewegung und mit der Stimme und die Wirkung des Lächelns und des Lachens kann tiefer erfahren werden. Neugier, Spielfreude und Kreativität kommen wieder ins Spiel und werden mit anderen geteilt.
Wie ist das realisierbar? Die beste Voraussetzung dafür ist, die eigene Lebendigkeit achtsam und bewusst zu erleben.
Unser Atem
… macht uns lebendig. Um das zu verstehen und selbst zu fühlen, nimm dir nur ein paar Minuten Zeit und spüre die unmittelbare Wirkung der folgenden Übungen:
Schließ die Augen und spüre bewusst in deine Nase - nimm sie mehrere Atemzüge lang als das
Tor deines Atems wahr.
Leg dann die Hände auf deinen Brustkorb und bemerke dort die Atembewegungen.
Lass mit dem Ausatmen einige Male die Luft mit einem langen „www“ und dann auf „sss“
ausströmen.
Der Atem hat die Kraft, uns an die Lebendigkeit anzuschließen. Atem ist Schwingung, ist Rhythmus, ist Leben. Das Erste, was wir nach unserer Geburt in die Welt tun, ist Einatmen - und von da an fließt es beständig ein und aus, bis zu unserem letzten Atemzug. Je bewusster wir unseren Atem wahrnehmen, uns mit ihm verbinden, desto mehr Kraft und Lebendigkeit bekommen wir geschenkt. Wir müssen dazu weder etwas können, noch etwas leisten. Wie eine Welle, die beständig heran rollt und wieder abfließt lädt uns der Atem ein, Festgehaltenes (im Körper, in der Seele, in den Gedanken) loszulassen und uns der Bewegung des Lebens, dem ständigen Kommen und Gehen, anzuvertrauen.
- In Situationen körperlicher oder seelischer Anspannung konzentriere dich darauf, bei jedem Ausatmen die Spannungen „wegzuatmen“ - bereits nach wenigen Minuten wirst du dich wohler fühlen.
- Du hast öfter kalte Zehen oder Finger? Dann schließe kurz die Augen und lenke deinen Atem bewusst in diese Körperregionen, bewege sie ein wenig… und bald wird dir wieder warm sein.
Der Atem verbindet uns auch mit der Welt. Beim Einatmen nehmen wir ein Stück (Luft/Energie) aus unserer Umgebung in uns auf - und ausatmend geben wir jedesmal „ein Stück von uns“ ins Außen ab. Verbundenheit ist die Realität unseres Seins. Als atmende Wesen werden wir zum Teil der Welt und sind mit allem Lebendigen verbunden. Dies gibt uns ein Gefühl der Zugehörigkeit und Sicherheit. Für Kinder ist das selbstverständlich. Als Erwachsene machen wir uns diese Welt-Verbundenheit nur selten bewusst. Wir erleben sie gelegentlich als Gefühl völligen Eins-Seins beim Orgasmus, bei spirituellen Erfahrungen, bei beglückenden Kunsterlebnissen oder in außergewöhnlichen Natur- oder Zeiterfahrungen. Der Atem ist ein wunderbares Werkzeug, diese Verbundenheit immer wieder neu wahr- und anzunehmen!
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