Wanderlust oder: Das Problem löst sich, wenn man es angeht.

Solvitur ambulando

Ein Heim, das uns Geborgenheit schenkt … ein Mensch, der uns Sicherheit gibt … ein vertrauter Geruch oder Geschmack, der schöne Erinnerungen aus unserer Kindheit weckt … Anerkennung … Glück …

Lass' mich mit der Sehnsucht beginnen: Sehnsuchtsbilder gibt es viele, beinahe endlos viele. Einige davon übernehmen wir von anderen oder bekommen sie sublim von außen eingepflanzt. Andere sind uns zutiefst zu eigen und schlummern in uns, bis sie vom Leben selbst erweckt werden. Nur letztere dringen tief bis ins Mark zurück, wirken dort aus der Tiefe heraus und geben uns dauerhaft Kraft.

Manchmal hören wir sie leise rufen. Dann braucht es etwas Mut, diesem Ruf zu folgen. Oder ihn zu erwidern, selbst lockend zu rufen, indem wir das Dargebotene annehmen und uns darin versuchen. Wie eine Walherde aus den Tiefen des Meeres tauchen unsere Sehnsuchtsbilder dann aus unserem Innersten hervor. Einmal an der Oberfläche, entwickeln sie eine unberechenbare Wildheit! Sie verwandeln scheinbar harmlose Briefmarken-Sammler in besessene Jäger oder zwei Meter große, schrankförmige Athleten in Gobelin stickende, in sich ruhende Bodhisattvas.

Bilder der Sehnsucht

Begebe ich mich auf die Spur meiner eigenen Sehnsuchtsbilder, ist das immer mit Lust, aber auch Schweiß verbunden - Ich gehe gerne. Welche Untertreibung: Lustwandeln passt besser. Lustwandern passt beinahe. Damit meine ich keine sonntäglichen Familienwanderungen auf asphaltierten Parkwegen, ausgetretenen Waldwegen und schon gar keine Stadtspaziergänge. Mich zieht es magisch auf schmale Fußwege, auf von Menschenfüßen unbetretene Wildpfade. Bergauf, bergab, querfeldein, durchs Wasser. Überall dorthin, wo die Eindrücke mein Herz berühren könnten.

Das Ziel der Suche ist die Übereinstimmung der Natur mit den in mir aufsteigenden Bildern und Stimmungen. Bilder von Landschaften wie aus Abenteuerromanen, surreale Fantasiepanoramen von üppiger Natur oder scheinbar eintönige Weiten ... sonnenbeschienene Gipfel, wo das Rundherum in der Dämmerung versinkt … in quecksilberglatten Bergseen spiegelnde Berge (wo du auf dem Foto nicht weißt, was Berg und was Spiegelung ist) … ineinanderfließende geometrische Figuren von Weinstöcken auf Terrassen … horizontgreifende Schneeflächen … Steingesichter im Fels … wie Riesenmuscheln aussehende Wurzeln … verrottende Baumriesen … Federgras, das wie junges, grünes Getreide über Ebenen und Hügeln wogt, als sei das Meer an Land gegangen … ein auf sommerwarmem Boden liegend beobachtetes Sternenmeer … in Frost und Nebelwolken erstarrte Bäume … Ich glaube, du erahnst, wonach ich suche.

Früher haben mich diese inneren Bilder auf alle Kontinente (außer Nordamerika) gezogen. Ich habe weite Reisen in Flugzeugen, Schiffen und Eisenbahnen auf mich genommen, Geld, Kraft und Anstrengung investiert - und vieles dabei gefunden. Manchmal auch mich selbst. Heute reicht mein Fernweh selten über Österreich hinaus. Hier finde ich die vielfältigsten Landschaften, die bei jedem Besuch anders wirken. Der Unterschied eines Ortes bei Morgen- und bei Abendsonne kann fast so sein wie eine Reise ans andere Ende des Universums.

Bewegen in Bildern

Aber es sind nicht nur die Bilder, es ist auch das Gehen selbst, das Bewegen in diesen Bildern. Die Gedanken beginnen zu fließen, bisher unbekannte Lösungen tauchen aus dem Unbewussten auf, Zusammenhänge werden deutlich. Die sicht- und fühlbaren Strukturen des Geländes wirken sinnstiftend, sie geben die Melodie und den Rhythmus vor. Jeder Schritt wird so Teil einer Musik. Herz und Atem tanzen dazu. Mit diesem Rhythmus begebe ich mich in eine kontemplative Stimmung hinein.  Meine Aufmerksamkeit ist nirgends und überall. Ideen und schöpferische Impulse fliegen mir mühelos zu. Zeit verliert an Bedeutung. Körperliche Anstrengung ist kaum spürbar.

Image of Wachau. Mit Waldviertel, Dunkelsteinerwald und Strudengau
Autor: Rudolf Hauleitner, Franz Hauleitner
Publisher: Bergverlag Rother (2008)
Binding: Taschenbuch, 143 pages
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