Ein Schnupperkurs in vier Kapiteln nach dem Modell der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall Rosenberg

Mit Worten Frieden schaffen (4)

Sei nicht nett - sei echt!

Im 4. und letzten Kapitel unserer Serie über Gewaltfreie Kommunikation geht es um Strategien und Formen der Bitte, mit denen du dahin gelangst, wo deine Bedürfnisse wahrgenommen und erfüllt werden …

Kapitel 4

Nach Bedürfnissen handeln – Strategien und Bitten dafür finden, was unser Leben bereichert

Bei Ereignissen, in denen wir uns gestresst, genervt oder „unrund“ fühlen, haben wir gelernt zu kompensieren. Fernsehen, Internet surfen, Shopping, Essen, Alkohol, sich eine Zigarette anzünden – immer mit der Absicht, aus einer allgemein positiveren Stimmung unsere Probleme nicht mehr zu spüren.

Mit der Gewaltfreien Kommunikation nähern wir uns diesem Thema auf eine differenzierte Weise:

„Was kann ich ganz konkret für das Bedürfnis tun, auf das ein unangenehmes Gefühl oder ein destruktives Verhalten hinweist!“

Sind wir uns unserer Bedürfnisse bewusst, finden wir auch lebensbejahende und dem Leben dienende Strategien.

Wenn wir Antwort auf folgende Fragen finden, erhöht das die Chance auf Erfüllung. Hier ein Beispiel:

Welches Bedürfnis will genährt werden?
Selbstwert (Selbstachtung/Wertschätzung/Anerkennung)

Welche Strategie könnte dazu beitragen, dass mein Bedürfnis erfüllt wird?

  • mich selbst wie einen wertvollen Gegenstand behandeln
  • Kompetenzen und Fähigkeiten entwickeln
  • mir meiner Werte bewusst werden und unabhängig davon, wie andere sich verhalten oder denken, meinen Weg gehen
  • freundschaftlich mit mir selber sein
  • andere Menschen befragen „Was genau schätzt du an mir?“
  • Umgang mit Menschen suchen, von denen ich denke, dass sie mich darin unterstützen, meinen wahren Bedürfnissen/Werten auf die Spur zu kommen

…… usw. usw.

Was kann ich selbst konkret für mein Bedürfnis tun?/ Worum genau könnte ich andere Menschen bitten, damit mein Bedürfnis erfüllt wird?

  • Über einen Zeitraum von zwei Wochen jeden Abend drei Dinge aufschreiben, die ich gemacht habe und für dich mich anerkenne.
  • Ich werde für kommenden Samstag meine beste Freundin zum Essen einladen und sie fragen: „Was genau schätzt du an mir“ (dabei werde ich sie bitten, mir anhand konkreter Beobachtungen/erfüllter Bedürfnisse eine Rückmeldung zu geben). Ich rufe sie noch heute an.
  • Ich werde mich von einem Experten auf diesem Gebiet coachen lassen, um meine Fähigkeiten in beruflicher Hinsicht noch einmal genauer zu filtern. Dazu werde ich in den nächsten drei Tagen im Internet nach Adressen recherchieren. Ich nehme mir vor, spätestens nächsten Monat den ersten Termin zu haben.
  • Ich werde mein Zeitmanagement überdenken und neu aufstellen. Es soll täglich mindestens eine Stunde nur für mich (Sport, Erholung, Lesen, Faulenzen…) geben. Dies trage ich mit einer bestimmten Farbe in meinem Kalender ein.

In der Begegnung mit anderen Menschen - wenn es um die Erfüllung meiner Bedürfnisse geht - überlege ich mir eine konkrete Formulierung für eine BITTE. Ich versuche vage, abstrakte oder mehrdeutige Formulierungen zu vermeiden und verwende eine „positive Handlungssprache“:

Ich spreche aus, was ich WILL statt zu sagen, was ich nicht will.

Das Ziel ist nicht, Menschen und ihr Verhalten zu verändern, damit wir unseren Willen durchsetzen; es besteht vielmehr darin, Beziehungen aufzubauen, die auf Offenheit und Einfühlsamkeit basieren – so dass über kurz oder lang die Bedürfnisse jedes Einzelnen wahrgenommen und/oder erfüllt werden.

Wie bitte ich?

Wir stellen heute 3 Arten von Bitten vor, mit denen du auf andere zugehen kannst:

Beziehungsbitte:
Ich kläre den Kontakt zu meinem Gegenüber und frage nach, ob er/sie bereit ist, mir seine Aufmerksamkeit zu geben.
„Bist du bereit, mir jetzt zuzuhören?“

Lösungs-/Handlungsbitte:
Ich  sage dem anderen ganz genau, was er/sie konkret tun kann, um mein Bedürfnis zu unterstützen.
„Kannst du bitte bis heute Abend meine Bücher ins Regal zurücklegen?“

Verständnisbitte:
Ich  überprüfe, ob das Gesagte angekommen ist.
„Wie geht’s dir mit dem, was ich dir gesagt habe?“
„Ich bin unsicher, ob ich mich verständlich machen konnte. Wärst du bereit, mir zu sagen, was du gehört hast?“

OKAY?
EINVERSTANDEN?
PASST DAS FÜR DICH?

Damit beende ich meine BITTE – wenn ich ein JA höre, kann ich annehmen, dass meine BITTE angekommen ist und mich später darauf beziehen!

War es eine Bitte oder eine Forderung?

Vielleicht habe ich ja hinter der „ordentlich formulierten“ Bitte eine Forderung verpackt?

Treffsicher erkenne ich das daran, dass ich ein NEIN nicht als persönliche Abwertung etc. auffasse, sondern weiterhin in der Lage bin, empathisch auf dieses Nein einzugehen. Oder andere Strategien finde, mein Bedürfnis erfüllt zu bekommen. Ja, das ist eine Königsdisziplin!

Ich möchte nur etwas tun, wenn ich es mit der Freude eines
kleinen Kindes tun kann, das eine hungrige Ente füttert.

(frei nach M. Rosenberg)

In der GFK sprechen wir vom sogenannten Giraffentanz. Wir bleiben in Verbindung mit unserem Bedürfnis, gleichzeitig gehen wir auf das ein, was beim Gegenüber lebendig ist.

In dieser Bewegung tanzen wir idealerweise über´s Parkett, bis alle Beteiligten satt und genährt sind. Was nicht auf eine endlose Debatte hinauslaufen muss. – Nein, manchmal kann es genauso gut sein, dass es eine Entscheidung gibt, auf Distanz zu gehen, weil dies gerade die beste Strategie ist, damit sich eine Situation entspannt.

Dieser Tanz kann auch wunderbar ohne ein Gegenüber getanzt werden – wir nennen es Selbsteinfühlung.

Hier nun die Vervollständigung der vier Schritte anhand unserer Beispiele. Es sind Impulse und Möglichkeiten, wie Szenen ablaufen könnten – sei frei und erlaube dir, jenen Antworten oder Vorgehensweisen Gehör zu schenken, die sich bei dir einstellen. Frohes Kreieren!

  • Die Welt ist böse, insbesondere mein Computer. Eine Datei ist verschwunden!
    Beobachtung: Ich finde die Datei nicht mehr.
    Gefühl: Ich bin getresst, unter Druck und verzweifelt!
    Bedürfnis: Ich brauche Effizienz und Sicherheit in meinen Arbeitsabläufen, und vor allem auch Leichtigkeit!

    Bitte/Strategie: Ich werde meinen Computerhändler anrufen und ihn bitten, noch heute die Festplatte zu untersuchen. Außerdem werde ich mir eine Wechselfestplatte kaufen und eine automatische tägliche Sicherung programmieren.
    XXX
  • Die beim Handyanbieter sind so was von chaotisch und ungenau!
    Beobachtung: Ich habe beim Handyanbieter drei Mal die Daten korrigiert und nun habe ich neuerlich eine Rechnung mit einem anderen Betrag als vereinbart bekommen.
    Gefühl: Jetzt bin ich wirklich genervt, wütend und sauer!
    Bedürfnis: Ich wünsche mir Vertrauen und Professionalität und Einfachheit in Geschäftsbeziehungen.

    Bitte/Strategie: Jetzt gleich setze ich mich hin und schreibe den Vorgang in einem Brief an die Kundenzentrale des Handyanbieters zusammen. Ich werde klar ausdrücken, wie es mir mit so einer Vorgehensweise geht. Ich werde meine Kollegin bitten, dieses Schreiben vor dem Abschicken zu lesen.
    XXX
  • Von den rücksichtlosen Nachbarn ganz zu schweigen!
    Beobachtung: letzte Nacht gab es bis 4 Uhr am Morgen ein Fest im Garten, davon wusste ich nichts. Ich konnte nicht schlafen.
    Gefühl: Ich bin irritiert und müde und fühle mich irgendwie hilflos in dieser Sache ...
    Bedürfnis: Ich schätze im Miteinander Achtsamkeit. Ja, und wenn ich genau hinsehe, dann brauche ich in meinem Leben auch mehr Freude, Feiern und Spaß!

    Bedürfnis: Ich wünsche mir Vertrauen und Professionalität und Einfachheit in Geschäftsbeziehungen.

    Bitte/Strategie: Ich werde noch heute eine Essenseinladung an meine besten Freunde aussenden. Meine Nachbarn werde ich bei nächster Gelegenheit auf die Sache von letzter Nacht ansprechen (und dabei an die 4 Schritte der GfK denken).
    XXX
  • Die anderen in der Gruppe sind einfach gemein – sie lassen mich hängen!
    Beobachtung: Ich erinnere mich an die Vereinbarung, dass wir in diesen Angelegenheiten im Team zusammenarbeiten. Seit einer Woche arbeite ich alleine an dem Akt.
    Gefühl: Ich fühle mich angespannt und frustriert!
    Bedürfnis: Für mich hat es großes Gewicht, wenn in unserem Team Verantwortungsbewusstsein, Struktur und Fairness gelebt wird.

    Bedürfnis: Ich wünsche mir Vertrauen und Professionalität und Einfachheit in Geschäftsbeziehungen.

    Bitte/Strategie:  Ich werde meine Teamkollegen zu einem gemeinsamen Gespräch bitten und ihnen aufrichtig mitteilen, wie es mir mit der Situation geht (ich maile heute noch die Terminbekanntgabe aus). Ich werde mich gut vorbereiten, damit ich in Verbindung mit meinen Bedürfnissen bleibe und dann nachfragen, wie das Gesagte angekommen ist. Außerdem werde ich vorschlagen, dass wir zu den wiederholten Vorfällen im Team eine Supervision mit einem externen Berater machen.
    XXX
  • Mein Leben ist zu anstrengend!
    Beobachtung: Ich habe in den letzten Tagen jeweils 10 Stunden im Büro gearbeitet. Eines der Kinder wurde außerdem krank.
    Gefühl: Ich fühle mich sehr erschöpft und müde!
    Bedürfnis: Es wäre eine große Erleichterung, wenn Entspannung und Balance mehr Raum bekommt, vor allem wünsche ich mir Unterstützung.
     
    Bitte/Strategie: Für jetzt werde ich meine Eltern bitten, ob sie heute noch kommen und ein paar Stunden mit den Kindern verbringen können. In dieser Zeit gehe ich eine große Runde spazieren und anschließend ins Kino. Ich werde als nächsten Schritt meine Freundinnen zu einem „Rat“ zusammenrufen, um gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie sich meine Situation verbessern kann.
    XXX
  • Meine Anliegen sind sowieso jedem gleichgültig!
    Beobachtung: in der letzten Teamsitzung vor vier Wochen habe ich meine Anliegen an den Teamleiter zur Bearbeitung im Vorstand weitergegeben.  Bis heute habe ich keine Rückmeldung erhalten.
    Gefühl: Ich bin enttäuscht und unsicher!
    Bedürfnis: ich brauche die Sicherheit und das Ernstgenommen-werden von Anliegen
     
    Bitte/Strategie: Ich rufe noch in der nächsten Stunde den Teamleiter an und sage ihm in „den vier Schritten“ aufrichtig, worum es mir geht: „Hallo Herr Teamleiter! Ich habe Ihnen vor 4 Wochen meine Anliegen zur Bearbeitung im Vorstand gegeben und bisher nichts von Ihnen gehört. Ich bin interessiert und mittlerweile auch etwas unsicher, weil ich die Sicherheit brauche, dass wir uns gehört haben und  in meiner Angelegenheit Informationen und Klarheit wünsche. Können Sie mir bitte sagen, wie weit die Sache ist und wann konkret ich mit einer Antwort rechnen kann?“ (alternativ könnte ich ihn auch fragen: „Können Sie mir sagen, was Sie daran gehindert hat, mir eine Antwort zu geben?“ – was besser passt, entscheide ich dann während des Telefonats)
    XXX
  • Hier sieht es aus wie in einem Schweinestall!
    Beobachtung: Wir hatten vereinbart, dass die Schuhe ins Regal gestellt und die Jacken auf den Kleiderhaken gehängt werden. Nun sehe ich, dass Schuhe und Jacken am Boden liegen.
    Gefühl: Ich bin wirklich müde in dieser Angelegenheit und genervt!
    Bedürfnis: Zum Einen ist mir Ordnung wichtig, um mich entspannen zu können und zum Anderen hätte ich gerne, dass unsere Vereinbarungen halten.
     
    Bitte/Strategie: He Leute, können wir uns heute am Abend zu einer Familienkonferenz zusammensetzen, um nochmals über unsere Vereinbarungen zu reden. Okay?
    XXX
  • Du bist viel zu großzügig!
    Beobachtung: Ich habe gerade bemerkt, dass du dem Straßenkünstler 20 Euro in den Hut gegeben hast.
    Gefühl: Ich bin irritiert und überrascht!
    Bedürfnis: …. weil ich feststelle, wie wichtig mir eine Ausgewogenheit von Geben und Nehmen ist und auch Sorgfalt in Bezug auf wirtschaftliche Sicherheit
     
    Bitte/Strategie: Kannst du mir bitte sagen, was dich gerade dazu bewogen hat, diese Summe zu geben? Ja?
    XXX

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Birgit Aicher, Andrea Haneder
www.lebenistjetzt.at

 

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Image of Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens
Autor: Marshall B. Rosenberg
Publisher: Junfermann (2007)
Binding: Taschenbuch, 240 pages
Image of Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. 4 CDs
Manufacturer: Steinbach Sprechende Bücher
Part Number:
Price: EUR 22,43
Image of Praktische Selbst-Empathie: Herausfinden, was man fühlt und braucht. Gewaltfrei mit sich selbst umgehen
Autor: Gerlinde R. Fritsch
Publisher: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung GmbH & Co. KG (2010)
Binding: Broschiert, 160 pages
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