Mit Worten Frieden schaffen (3)
Worüber regst du dich auf? Was frustriert dich? Mit wem vergleichst du dich? Aber auch: Was macht dich glücklich? Die Antworten auf diese Fragen bringen dich deinen wahren Bedürfnissen näher – und damit deren Erfüllung …
Kapitel 3
BEDÜRFNISSE als Kern und Schlüssel in der Gewaltfreien Kommunikation
„… Was? Ich habe Bedürfnisse? … ähhh … die kenn‘ ich nicht, was ist das? ...“
Nicht nur einmal haben wir in Kursen oder im Einzelsetting erlebt, dass sich Menschen ehrlich fragen, welche Bedürfnisse sie haben. Mehr noch: dass sie überhaupt erst einmal mit dem Begriff „Bedürfnis“ in Kontakt kommen müssen. Woher kommt das?
Bedauerlicherweise haben die meisten von uns nie gelernt, in der Begrifflichkeit von Bedürfnissen zu denken. Wenn sich unsere Bedürfnisse nicht erfüllen, dann denken wir folglich darüber nach, was die anderen falsch gemacht haben. Wir kritisieren deswegen vielleicht unsere Mitmenschen als faul, träge, gemein, manipulativ, egoistisch, unverantwortlich … weil sie nicht so handeln, wie wir das gerne hätten. Oder wir gehen in den Gedanken über uns selbst ähnlich urteilend um.
Ein Beispiel:
Aus dem Vorwurf „Du bist respektlos und missachtest mich“ könnte sich mit der Gewaltfreien Kommunikation folgende Aussage formen: „Ich wünsche mir Respekt und Achtung - kannst du bitte anklopfen, bevor du in mein Zimmer kommst?“
Damit weiß ich jetzt etwas über mein Bedürfnis, nämlich Respekt und Achtung, und kann so eine Bitte formulieren, wie ich mir mein Bedürfnis erfüllen kann!
Ich übernehme jetzt Verantwortung für meine Bedürfnisse und gehe in Verbindung damit. So mache ich weder den anderen für etwas verantwortlich noch projiziere ich meine Urteile in die Welt (das, wie wir bereits wissen, trennend ist).
Gehen wir an diesem Punkt noch mehr in die Tiefe:
Jedes Verhalten ist darauf ausgerichtet, Bedürfnisse zu erfüllen. Selbst der tragische Ausdruck von Verhalten hat das Ziel, das eigene Leben zu verschönern. Eine andere Sache ist, ob es mit diesem Handeln wirklich gelingt …?!?!
Wichtig zu wissen: Der Weg zu unseren Bedürfnissen geht über die Gefühle, die uns darauf hinweisen, ob wir in einem oder mehreren Bedürfnissen gerade erfüllt sind oder nicht.
Ein Weg zur Erfüllung aller Bedürfnisse
Es kann schon vorkommen, dass sich mehrere Gefühle gleichzeitig melden – was bedeutet, dass sich in deinem Inneren mehrere Bedürfnisse in den vorderen Reihen „drängeln“. Wenn du dir Zeit nimmst, diese Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen, wirst du schnell bemerken, dass sich meist ein Gefühl und ein Bedürfnis als die gewichtigsten herauskristallisieren. Du erkennst das an einer starken Resonanz auf das entsprechende Gefühl und Bedürfnis.
Eine wiederkehrende Erfahrung ist: In dem Moment, wo Leute über das zu sprechen beginnen, was sie brauchen, statt darüber, was mit anderen nicht stimmt, steigt die Wahrscheinlichkeit (sehr sogar!!), einen Weg zur Erfüllung aller Bedürfnisse zu finden.
Hier nun auszugsweise einige der grundlegenden menschlichen Bedürfnisse, die wir alle haben:
- Nähren der physischen Existenz: Luft, Nahrung, Bewegung, Schutz, Ruhe, Sexualität, Unterkunft, Körperkontakt, Wasser…
- Integrität: Kreativität, Sinn, Selbstwert…
- Interdependenz (gegenseitige Abhängigkeit als menschliche Wesen): Wertschätzung, Nähe, Gemeinschaft, Empathie, Geborgenheit, Liebe, Respekt, Vertrauen, Verständnis, Zugehörigkeit…
Nachfolgend findest du etliche Impulse, deine aktuell wichtigsten Bedürfnisse zu erkennen –quasi eine persönliche „Hitliste“ an Bedürfnissen kennenzulernen:
Erinnere dich an eine Situation in deinem Leben, in der du glücklich warst -
Was hat dich so glücklich gemacht? Mit welchem Bedürfnis hatte das zu tun?
Bei welchen Ereignissen warst du in jüngster Zeit frustriert? - Worum ging es dabei? Welche Bedürfnisse waren unerfüllt?
Worüber regst du dich auf? -
Was magst du gar nicht? Auf welche Bedürfnisse weist das hin?
Mit wem vergleichst du dich wiederholt? -
Auf welche Bedürfnisse weist dich dein Vergleichen hin?
Es ist wertvoll, dir Zeit zu nehmen und „mit Insektenforscherblick zu forschen“, Ausflüge in deine Innenwelt zu unternehmen und die kleinen und feinen Unterschiede zu erkennen. Meist kannst du dabei vermutlich entdecken, dass es wichtiger ist, mit einem deiner Bedürfnisse verbunden zu sein, als es zu erfüllen.
Ja! – Das Anerkennen und Wahrnehmen bedeutet oft schon eine Entspannung -sei es dadurch, dass du in deinem Bedürfnis von anderen wahrgenommen wirst oder dir selbst die nötige Aufmerksamkeit dafür schenkst. Dadurch erhöhst du deine SELBSTLIEBE!
In unseren Beispielen, die uns seit Anfang dieses Schnupperkurses dienen, drückt sich das im dritten Schritt so aus:
- Die Welt ist böse, insbesondere mein Computer. Eine Datei ist verschwunden!
Beobachtung: Ich finde die Datei nicht mehr.
Gefühl: Ich bin getresst, unter Druck und verzweifelt!
Bedürfnis: Ich brauche Effizienz und Sicherheit in meinen Arbeitsabläufen, und vor allem auch Leichtigkeit!
XXX - Die beim Handyanbieter sind so was von chaotisch und ungenau!
Beobachtung: Ich habe beim Handyanbieter drei Mal die Daten korrigiert und nun habe ich neuerlich eine Rechnung mit einem anderen Betrag als vereinbart bekommen.
Gefühl: Jetzt bin ich wirklich genervt, wütend und sauer!
Bedürfnis: Ich wünsche mir Vertrauen und Professionalität und Einfachheit in Geschäftsbeziehungen.
XXX - Von den rücksichtlosen Nachbarn ganz zu schweigen!
Beobachtung: letzte Nacht gab es bis 4 Uhr am Morgen ein Fest im Garten, davon wusste ich nichts. Ich konnte nicht schlafen.
Gefühl: Ich bin irritiert und müde und fühle mich irgendwie hilflos in dieser Sache ...
Bedürfnis: Ich schätze im Miteinander Achtsamkeit. Ja, und wenn ich genau hinsehe, dann brauche ich in meinem Leben auch mehr Freude, Feiern und Spaß!
XXX - Die anderen in der Gruppe sind einfach gemein – sie lassen mich hängen!
Beobachtung: Ich erinnere mich an die Vereinbarung, dass wir in diesen Angelegenheiten im Team zusammenarbeiten. Seit einer Woche arbeite ich alleine an dem Akt.
Gefühl: Ich fühle mich angespannt und frustriert!
Bedürfnis: Für mich hat es großes Gewicht, wenn in unserem Team Verantwortungsbewusstsein, Struktur und Fairness gelebt wird.
XXX - Mein Leben ist zu anstrengend!
Beobachtung: Ich habe in den letzten Tagen jeweils 10 Stunden im Büro gearbeitet. Eines der Kinder wurde außerdem krank.
Gefühl: Ich fühle mich sehr erschöpft und müde!
Bedürfnis: Es wäre eine große Erleichterung, wenn Entspannung und Balance mehr Raum bekommt, vor allem wünsche ich mir Unterstützung.
XXX - Meine Anliegen sind sowieso jedem gleichgültig!
Beobachtung: in der letzten Teamsitzung vor vier Wochen habe ich meine Anliegen an den Teamleiter zur Bearbeitung im Vorstand weitergegeben. Bis heute habe ich keine Rückmeldung erhalten.
Gefühl: Ich bin enttäuscht und unsicher!
Bedürfnis: ich brauche die Sicherheit und das Ernstgenommen-werden von Anliegen
XXX - Hier sieht es aus wie in einem Schweinestall!
Beobachtung: Wir hatten vereinbart, dass die Schuhe ins Regal gestellt und die Jacken auf den Kleiderhaken gehängt werden. Nun sehe ich, dass Schuhe und Jacken am Boden liegen.
Gefühl: Ich bin wirklich müde in dieser Angelegenheit und genervt!
Bedürfnis: Zum Einen ist mir Ordnung wichtig, um mich entspannen zu können und zum Anderen hätte ich gerne, dass unsere Vereinbarungen halten.
XXX - Du bist viel zu großzügig!
Beobachtung: Ich habe gerade bemerkt, dass du dem Straßenkünstler 20 Euro in den Hut gegeben hast.
Gefühl: Ich bin irritiert und überrascht!
Bedürfnis: …. weil ich feststelle, wie wichtig mir eine Ausgewogenheit von Geben und Nehmen ist und auch Sorgfalt in Bezug auf wirtschaftliche Sicherheit
XXX
Wie wir es konkret angehen, dass wir in unseren Bedürfnissen andere oder uns selbst mit konkreten Bitten oder Strategien fragen, üben wir im vierten Schritt zum Thema „Bitten/Strategien“. Bis bald!
Gewaltfreie Kommunikation in Gruppen und Seminaren direkt und lebendig erfahrbar:
Birgit Aicher, Andrea Haneder
www.lebenistjetzt.at

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