Mit Worten Frieden schaffen (1)
Zuhören und verstehen, was der andere wirklich fühlt und braucht. Authentisch zum Ausdruck bringen, was ich selbst fühle und brauche. Innere Klarheit in emotionalen Situationen. Ein neues Miteinander, geprägt von Vertrauen, Verständnis, Aufrichtigkeit, Respekt, … - dieser Schnupper-Kurs zeigt dir einen Weg zu lebendigeren, erfüllteren Beziehungen …
Kapitel 1
Beobachtung – der Pfad zu Gefühlen und Bedürfnissen
Halleluja – Was für ein Tag! ...
- Die Welt ist böse, insbesondere mein Computer. Eine Datei ist verschwunden!
- Die beim Handyanbieter sind so was von chaotisch und ungenau!
- Von den rücksichtlosen Nachbarn ganz zu schweigen!
- Die anderen in der Gruppe sind einfach gemein – sie lassen mich hängen!
- Mein Leben ist zu anstrengend!
- Meine Anliegen sind sowieso jedem gleichgültig!
- Hier sieht es aus wie in einem Schweinestall!
- Du bist viel zu großzügig!
Gehen wir doch einmal weiter hinein in dieses „Halleluja – Was für ein Tag!“:
Du fühlst dich einfach miserabel, alles Mögliche rumort in dir, es geht dir in deiner Seelenwelt immer schlechter und du weißt gar nicht mehr warum?
Eine Geschichte wühlt in dir (oder auch mehrere). Du grübelst, gehst Details vom Geschehen immer wieder durch. Es gibt sogar Analysen über die am Ereignis Beteiligten.
Gedanken sausen herum oder stehen auf der Stelle, die Gefühle gehen dir wie Feuerpferde durch.
Nur mehr eine Sehnsucht: d u r c h a t m e n, wieder klar sehen!
Aaaaaber wie kommt man dahin?
Ohne Werkzeug ist das gar nicht so „ohne“…
Finde in einem ersten Schritt zunächst heraus, was deine Gefühle und Gedanken ausgelöst hat.
Womit fing das alles genau an? Was ist dir da genau an die Nieren gegangen?
Du sagst jetzt vielleicht: „es war einfach plötzlich da“….
hmm…
Ich jedenfalls habe (ganz ehrlich überprüft) noch nie ein Gefühl plötzlich vom Himmel fallen sehen … es wird von etwas ausgelöst.
Auslöser für Gefühle
können äußere Auslöser sein – wie sinnlich wahrnehmbare Ereignisse, verbale/nonverbale Äußerungen oder innere Auslöser, wie Gedanken, Vorstellungen, Befürchtungen, Bewertungen, Unterstellungen, Interpretationen.
Wie stark über einen „simplen“ äußeren Auslöser weitere innere Auslöser anspringen, wird in dieser kleinen Episode von Paul Watzlawick (siehe Buchtipp am Ende des Beitrags, S 37 f) sichtbar:
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat
einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommen
ihm Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte
er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur
vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet
sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort.
Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen
abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein,
ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. –
Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Tag“ sagen
kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, sie Rüpel!“
Um den Auslöser für den Schmerz etc. zu erkennen, ist es also dienlich, Tatsachen und Interpretationen zu unterscheiden. Dies machen wir mit der BEOBACHTUNG.
Wenn wir beobachten, üben wir, in unserer Wahrnehmung schlicht, einfach und sehr nüchtern zu werden.
Was genau tut oder sagt jemand? Was genau ist passiert? Was genau sehe, höre, rieche ich?
Ganz praktisch anhand der eingangs beschriebenen Beispiele sind hier sind nun neue Möglichkeiten für Beobachtungen:
- Die Welt ist böse, insbesondere mein Computer. Eine Datei ist verschwunden!
neu: Ich finde die Datei nicht mehr. - Die beim Handyanbieter sind so was von chaotisch und ungenau!
neu: Ich habe beim Handyanbieter drei Mal die Daten korrigiert und nun habe ich neuerlich eine Rechnung mit einem anderen Betrag als vereinbart bekommen. - Von den rücksichtlosen Nachbarn ganz zu schweigen!
neu: letzte Nacht gab es bis 4 Uhr am Morgen ein Fest im Garten, davon wusste ich nichts. Ich konnte nicht schlafen. - Die anderen in der Gruppe sind einfach gemein – sie lassen mich hängen!
neu: Ich erinnere mich an die Vereinbarung, dass wir in diesen Angelegenheiten im Team zusammenarbeiten. Seit einer Woche arbeite ich alleine an dem Akt. - Mein Leben ist zu anstrengend!
neu: Ich habe in den letzten Tagen jeweils 10 Stunden im Büro gearbeitet. Eines der Kinder wurde außerdem krank. - Meine Anliegen sind sowieso jedem gleichgültig!
neu: in der letzten Teamsitzung vor vier Wochen habe ich meine Anliegen an den Teamleiter zur Bearbeitung im Vorstand weitergegeben. Bis heute habe ich keine Rückmeldung erhalten. - Hier sieht es aus wie in einem Schweinestall!
neu: Wir hatten vereinbart, dass die Schuhe ins Regal gestellt und die Jacken auf den Kleiderhaken gehängt werden. Nun sehe ich, dass Schuhe und Jacken am Boden liegen. - Du bist viel zu großzügig!
neu: Ich habe gerade bemerkt, dass du dem Straßenkünstler 20 Euro in den Hut gegeben hast.
Wenn du jetzt den Gedanken hast, dass ab nun auf Interpretationen verzichtet werden sollte: Es geht erst einmal nicht darum, nicht mehr zu interpretieren/bewerten/urteilen – das wird kaum jemand von uns vermeiden und verhindern können - , es geht vielmehr darum, sich bewusst zu werden, dass man interpretiert, urteilt, bewertet, …
„Was bringt mir das?“ – fragst du etwa?
Die erste Komponente der Gewaltfreien Kommunikation beginnt dort, wo ich Beobachtung von Bewertung auseinanderhalte. Wenn ich diese beiden vermische, sinken die Chancen, dass ich mit dem, was ich zu sagen habe, gehört werde. Der/die andere hört viel eher Kritik und Vorwurf etc.; die Verbindung reißt.
Das gilt übrigens auch in Bezug auf die Verbindung zu dir selbst!
Probiere es doch für dich aus:
Nimm´ dir einen zeitlichen Ausschnitt von 5 bis 10 Minuten vor.
Was geschieht? Was sind deine Gedanken/Bewertungen/Urteile? – und was ist die reine Beobachtung?
Hier ein selbst-humoristisches Angebot für EinsteigerInnen:
Bewertung/Urteil 1:
„Wow, was hier so über die Gewaltfreie Kommunikation steht ist echt super!“
Jaaa, das ist auch eine Bewertung, die sogenannten „positiven“ Äußerungen, die Lob auszudrücken versuchen.
Bewertung/Urteil 2:
„Schon wieder so ein Psychokonzept. Wem ist denn da schon wieder was eingefallen. Da lese ich gleich gar nicht mehr weiter…“
BEOBACHTUNG
„Ich habe vorhin diese Webseite angeklickt und lese seit einigen Minuten den Text über Gewaltfreie Kommunikation.“
Wenn wir uns unserer Bewertungen bewusst werden, sind wir häufig auch erschrocken darüber, wie viele und welche Urteile wir fällen.
Diese Urteile/Bewertungen sind jedoch so etwas wie die „Qualitätssicherungsabteilung“ in unserem System.
Worin uns diese „Abteilung“ ganz konkret unterstützt, beforschen wir im nächsten Kapitel zum Thema Gefühle.
Auf ein baldiges Wieder-Lesen!
Gewaltfreie Kommunikation in Gruppen und Seminaren direkt und lebendig erfahrbar
Birgit Aicher, Andrea Haneder
www.lebenistjetzt.at

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