Im Reich der Sinne
Haben wir unsere fünf Sinne noch beisammen? Spürst DU noch den Boden unter deinen Füßen, fühlst du den Wind in deinem Gesicht, riechst du den Duft des verwitternden Herbstlaubs? Wir Menschen des Digital-Zeitalters leben wie unter einer sterilen Glasglocke. Unsere Sinnes-Wahrnehmungen verlassen uns zusehends, weil sie entweder durch mangelnden Gebrauch einschlafen oder durch Überreizung abstumpfen. Dabei ist „…eine gesunde menschliche Entwicklung nur durch abwechslungsreiche Sinnesreize möglich“, betonte Hugo Kükelhaus. Der deutsche Künstler, Handwerker und Philosoph setzte sich Zeit seines Lebens für die Wiederbelebung menschlicher Sinnlichkeit ein.
Ein Beitrag von Roland Rottenfußer, erschienen in der Zeitschrift WEGE (siehe Kontaktinfos und Angebot am Ende des Artikels)
„Du hast zwar alles über Michelangelo gelesen“, provoziert Psychotherapeut Robin Williams seinen altklugen Patienten Matt Damon, „…aber ich wette, du weißt nicht, wie es in der Sixtinischen Kapelle riecht.“ Diese Szene aus dem Film „Good Will Hunting“ illustriert trefflich die Bedeutung der Sinne und der Sinnlichkeit in unserer modernen Welt. Will Hunting repräsentiert hier den typischen Kopfmenschen ohne direkte Lebenserfahrung. Den immer nur denkenden Menschen unseres Jahrtausends, dem Fühlen und Erfahren ein Gräuel sind und der alle möglichen Theorien zwischen sich und seine Umwelt zwängt. Worte und Glaubensvorstellungen wirken wie ein enges Gitternetz, das Wirklichkeit zugleich zerteilt und uns vor der direkten Berührung mit ihr abschirmt.
Sind wir von Sinnen?
Der virtuelle Mensch des 21. Jahrhunderts befindet sich in einem Prozess zunehmender Sinnes-Abstumpfung. Das erkennt man vor allem daran, dass er nur noch auf sinnliche Überdosen reagiert. Feinere Nuancen werden kaum mehr wahrgenommen. Ein paar Beispiele gefällig…?
Wie schmecken die Chips, die vor dem Bildschirm massenweise und ohne wirkliche Aufmerksamkeit verschlungen werden? In der Regel enthalten sie eine Überdosis an Salz und künstlichen Aromastoffen (Paprika, Cheese-Onion u.a.), um ihre Geschmacksintensität überhaupt wahrnehmbar zu machen. Wem heutzutage zugemutet wird, den puren Geschmack einer Kartoffel ohne Gewürze und Soße auszutesten, der wird behaupten, dass sie nach gar nichts schmeckt…
Wie riechen Menschen? In unserer Umgebung (z.B. in Büros) dominieren die Aromen von starken synthetischen Parfums, Shampoos und Rasierwasser. Sich selbst kann und will keiner mehr riechen, weshalb der Menschengeruch sorgsam neutralisiert und mit Düften chemischer oder pflanzlicher Herkunft überdeckt werden muss.
Wie fühlt sich der Boden unter deinen Füßen an? Im Gegensatz zu Kindern, die ständig in spielerischer Berührung mit dem Boden, mit Pflanzen, Tieren und Gegenständen sind, berühren Erwachsene in der Regel nichts - es sei denn, es ist unvermeidlich. Wir tragen dicke Gummisohlen und vermeiden es sorgsam, bei Spaziergängen von Gräsern und Pflanzen gestreift zu werden. Sensortasten ersparen uns sogar die Zumutung, auf einen Knopf tatsächlich drücken zu müssen. Tastaturen und Bedieneroberflächen sind unsere virtuellen Zugänge zur Welt. Ach ja: Sex ist schon noch beliebt, damit aber noch ein „Kick“ erlebt wird, sind immer mehr Abwechslung oder stärkere Reize nötig.
Was hörst du gerade? Wir sind von einem ständigen Geräuschpegel umgeben. Selbst unser Computer gibt bei jedem Vorgang quäkende Töne von sich. Und drohen einmal Momente der Stille, werden sie gleich durch Fernsehen, Radio und Musikanlage betäubt. Wir können zwar ohne Töne nicht leben, nehmen sie andererseits aber gar nicht mehr wahr, weil wir daneben unaufhörlich weiterreden, zappen oder surfen. Und in Rockkonzerten und Diskotheken üben Menschen so lange, die eigentlich unerträgliche Lautstärke zu ertragen, bis ihnen ein Hörschaden die gewünschte Abdämpfung beschert. Ein Konzert für Klavier und Cello in Zimmerlautstärke fänden die meisten „total öd“.
Was siehst du, wenn du einen Blick aus dem Fenster wirfst? Auf unseren Riesen-Flachbildschirmen stellen wir die Farbintensität auf höchste Stufe - und Musikvideos finden wir langweilig, wenn sie nicht durch Schnitte im Sekundentakt ein atemloses Reizbombardement entfachen. Die Traumlandschaften unserer Computerspiele leuchten in allen Regenbogenfarben. Wer will sich da noch mit der beschissenen Grafik begnügen, welche der Schöpfer des Himmels und der Erde unserer Realität einprogrammiert hat? Die zarten Grün- und Braunschattierungen einer mitteleuropäischen Landschaft können einen Besuch in Azeroth oder Mittelerde niemals aufwiegen.
Bei aller satirischen Überspitzung zeigt unsere kleine Auflistung doch bestimmte Grundtendenzen im modernen Umgang mit den fünf Sinnen:
Wir stumpfen ab, erkennen Nuancen nicht mehr, brauchen stärkere Reize, um überhaupt noch etwas wahrzunehmen. Oder wir aktivieren unsere Sinnesorgane gleich gar nicht mehr, weil wir sie (wie den Blinddarm) als lästige, evolutionär überholte Anhängsel des Körpers empfinden.
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