Freundlich oder ehrlich?.........Uhhh?
Meine Ehefrau arbeitet als freiberufliche Trainerin für verschiedene Auftraggeber. Mit einem davon ereignete sich folgende Geschichte, die einen häufig vorkommenden Denkfehler in der zwischenmenschlichen Kommunikation illustriert:
Eine Firma, die Trainings für andere Unternehmen organisiert, stellte meiner Frau einen interessanten, größeren und auch potenziell lukrativen Auftrag in Aussicht. Der Job passte haargenau zu ihren Talenten und die geplanten Termine gut in ihren Kalender. Sie freute sich auf diese neue Herausforderung und machte sich schon an die ersten Vorbereitungen.
Auf einmal rief ihre Kontaktperson an und begann mit ausführlichen Betrachtungen über den Auftraggeber: wie es der Firma so ginge, welche Probleme mit Hilfe des Trainings zu beheben wären, was die verantwortliche Person des Auftraggebers in den letzten Wochen so alles dachte, dass man nach längerem Nachdenken zu anderen Schlussfolgerungen geraten könnte, dass die ursprünglich geäußerten Wünsche nicht mehr ganz zu passen schienen, das es wohl so sein könnte, dass der wirkliche Bedarf der Firma wahrscheinlich in einer ganz anderen Richtung zu suchen wäre, und so weiter.
Nach einigen Minuten fragte meine Frau: „Was ist es, das ich wirklich wissen muss, wovor du dich aber fürchtest, es mir zu sagen?“ (Ich weiß, wie direkt sie in ihren Fragen sein kann, und diese gehörte eher zu ihrer mittleren Kategorie…)
Und dann traute er sich, die wirkliche Nachricht zu überbringen: der Auftraggeber hatte den Knochen zurückgenommen. Eigentlich ohne genauen Grund. Und gerade als er anzufangen versuchte, sich über die Unzuverlässigkeit des Auftraggebers zu beklagen, fiel sie ihm ins Wort und sagte: „Es tut mir schon leid, aber du brauchst dich bei mir nicht zu entschuldigen. Du hast dich bei mir erkundigt, ob ich Lust an diesem Job hätte und ob er in meine Planung passt. Da habe ich ‚Ja‘ gesagt und es weiter dir überlassen.“
Das Muster: entweder - oder
Dieses Beispiel zeigt ein Muster, das wir öfter wahrnehmen. Wenn eine Nachricht überbracht werden soll, die nicht gerade glücklich ist, neigen Menschen nicht selten dazu, vor allem nett und freundlich zu sein. Zugleich versuchen sie aber, die Botschaft zu umgehen und nicht auszusprechen, in der Hoffnung, der Empfänger findet die unangenehme Wahrheit schon selbst heraus.

Als gäbe es nur: ich bin entweder freundlich oder ehrlich.
Aber so ist es natürlich nicht. Freundlichkeit und Ehrlichkeit sind zwei voneinander unabhängige Eigenschaften. In einem Bild würde das vielleicht so aussehen:

Wenn uns das bewusst wird, kann sich auch die Kommunikation verändern. Nachdem meine Frau diese Skizzen ihrer Kontaktperson gezeigt hatte, fiel der Groschen. Seitdem haben die Gespräche der beiden die gleiche herzliche Atmosphäre wie vorher und es wird deutlich ausgesprochen, was zur Kenntnis gebracht werden soll. Das schönste – aus meiner Sicht – ist, dass sich die beiden seitdem nicht nur besser verstehen sondern auch mehr respektieren. Einer hat den Mut gezeigt, die Dinge beim Namen zu nennen und beide sind glücklicher.
Dieses Kommunikationsmuster ist auch in meinem Beruf wohl bekannt. Wenn ein fünfzigjähriger Mann sich beim Doktor meldet, weil er Blut im Stuhl hat, wird sich (hoffentlich) jeder Kollege um weitere Untersuchungen bemühen. Beim Abschluss der ersten Konsultation ist noch vieles unbekannt, dennoch sehnt sich der Mann nach Sicherheit und wird den Arzt fragen, womit er rechnen muss und ob er denkt, dass es Krebs ist (sofern der Mann schon in der Lage ist, seine größte Angst auszusprechen).
Ist der Doktor in erster Linie freundlich, könnte er etwa sagen: „Nein, das steht nicht infrage.“ Oder: „Nein, daran denke ich überhaupt nicht. Lassen Sie uns zuerst abwarten, was die Tests sagen.“
Ein nur-ehrlicher Arzt könnte sagen: „Ja, es ist sehr gut möglich, dass Sie Krebs haben. Wir werden es mit diesem Test herausfinden. Kommen Sie bitte in vierzehn Tage wieder.“
Aber es ist auch möglich, sowohl freundlich zu sein als auch ehrlich zu bleiben: „Im Moment haben wir überhaupt keine Hinweise darauf, in welche Richtung wir denken sollten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es auch etwas Ernstes sein könnte, und dass sie das ängstigt, verstehe ich ganz gut. Wir sollten uns in den kommenden Tagen damit abfinden, dass wir es nicht wissen und dass wir eben nur diese Ungewissheit haben. Ich werde mich bemühen, dass ihre Tests so schnell als möglich gestartet werden. Aus heutiger Sicht sind viele Ergebnisse möglich.“
Und bei einigen bestimmten Menschen würde ich hinzufügen:
„Sorgen machen können Sie sich auch später noch, wenn wir sicher wissen, dass es Sinn macht. Es würde mir leid tun, wenn sich herausstellt, dass sie sich umsonst gesorgt haben.“ Obwohl diese Form ernstgemeinter, ehrlicher Freundlichkeit nicht jeder verstehen würde.
Mich interessiert, ob du in dem beschriebenen Muster etwas von deiner eigenen Art der Kommunikation wiedererkennst. Passiert es dir auch, dass du versuchst, eine schwer wiegende Wahrheit mit vielen freundlichen Worten zu umgehen? Und hat die beschriebene alternative Betrachtungsweise dir vielleicht geholfen, freundlich-ehrlich zu sein? Es würde mich freuen von dir zu hören, entweder als Kommentar oder per E-Mail.

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100%
kann ich dir voll bestätigen. alltag.