Kommunikation leicht(er) gemacht

Die Schlammflut stoppt hier!

In meinem vorigen Beitrag „Warum immer warum?“ habe ich die Idee diskutiert, wie wohltuend es sein kann, nicht jede Tatsache immer mit einer Erklärung zu versehen oder auf den Empfang einer Erklärung zu verzichten (diese sogar freundlich abzulehnen). Ob wahr oder gelogen, das Leben geht auch ohne diese Zusatzlast weiter – und oft spürbar leichter.

Erst Tage nach der Fertigstellung des Artikels wurde mir bewusst, dass einer der Anlässe dazu unerwähnt blieb. Dieses Ereignis illustriert aber etwas Wesentliches, das ich gerne mit dir teilen möchte.

Ein Bekannter von mir (lass‘ ihn mich Hermann nennen) ist sehr begeistert von der komplementärmedizinischen Methode, die ich in meiner Praxis anwende, und fing an, Freunden mit gesundheitlichen Beschwerden zu raten, sich bei mir zu melden. Während eines geschäftlichen Treffens teilte er mit, dass eine Dame (sagen wir: Paula) unbedingt zu mir kommen sollte. Er erzählte von ihren Beschwerden, den Einschränkungen, die sie damit in Kauf nehmen musste, und wie viele Heilpraktiker und Naturheiltherapeuten sie schon besucht hatte. Bereits in dieser Erstbeschreibung fiel mir auf, dass eine klassische Beurteilung eines Hausarztes fehlte.

Als mich Paula wenige Tage später anrief und mir ihre Geschichte selbst erzählte, wurden meine ersten Gedanken und Befürchtungen eher bestätigt als entkräftet. Ich erklärte ihr, dass aus meiner Sicht eine schulmedizinische Untersuchung vorab unentbehrlich sei und sie sich eine hunderte Kilometer lange, vergebliche Reise ersparen solle. Das ließ ihren Widerstand wachsen, die Stimmung des Gesprächs kippte merklich. Sie beendete das Telefonat mit der Bemerkung, dass sie sich meinen Rat noch überlegen werde.

Am gleichen Abend, es war schon nach zehn Uhr, rief mich Paulas hörbar verärgerter Mann an, um mir mitzuteilen, dass ich die Situation völlig falsch verstanden hätte. Er als spiritueller Therapeut habe bereits festgestellt, dass es sich um eine Nahrungsmittel-Unverträglichkeit handle, und für mich ginge es nur darum, herauszufinden welche. Außerdem seien wir uns vor zehn Jahren begegnet (mit fehlt jede Erinnerung daran), wir hätten also schon eine lange gemeinsame Geschichte, und alte Bekannte sollten schließlich füreinander da sein.

Ein paar Tage später rief ich Hermann an und bat ihn, auf weitere Weiterempfehlungen zu verzichten. Natürlich fragte er direkt nach dem Warum. Nachdem ich ihm sagte, dass ich mich darüber nicht zu sehr äußern möchte, akzeptierte er das, obschon deutlich spürbar war, dass er es nicht verstand. Ich erklärte ihm, dass Paula und ich unterschiedlich über ihre Situation dachten und uns nicht hatten einigen können. Aber dass es mir aus Respekt vor der Freundschaft zwischen ihm und dieser Freundin wichtig sei darüber zu schweigen.

Lange Geschichte, kurzer Sinn: es geht mir um den Basisgedanken „Die Schlammflut stoppt hier.“

Was hat Hermann davon, wenn ich meine Kritik an den Auffassungen und Entscheidungen Paulas ausspreche? Es würde wahrscheinlich sowohl seine Freundschaft mit Paula (und ihrem Mann) als auch das Verständnis zwischen ihm und mir beeinflussen, und zumindest eine davon negativ.

Wie oft kommt es nicht vor, dass jemand mit dir über etwas redet, was ein Dritter getan oder gesagt oder unterlassen hat – oder ein Vierter oder wie viele Schichten es noch gibt. Anscheinend mögen wir es, über Andere zu reden. Und zumeist ist es nicht gerade Gutes, von dem wir meinen, es weitergeben zu müssen. Wir tratschen am liebsten den ganzen Tag.

Es ist wie eine Seuche. Anstatt uns die Hände zu waschen, bevor wir einem anderen die Hand schütteln, husten wir noch extra hinein und gehen dann fanatisch auf andere zu.

Wir hören uns gerne diese negativen Geschichten an, ergänzen sie mit unseren Interpretationen und Meinungen, und geben sie dann mit Freude weiter.

Das muss nicht so sein. Niemand hat wirklich etwas davon. Wir können uns auch entscheiden: „Die Schlammflut stoppt hier.“ Und waschen uns sozusagen jedes Mal die Hände. Dafür gibt es mehrere gute Gründe:

1. Woher soll ich wissen, ob die Geschichte wirklich wahr ist? Habe ich die ganze Geschichte gehört oder nur einen Bruchteil davon? Wie viel Unwahres ist inzwischen heimlich hinzugefügt worden?

2. Was hat der Empfänger meiner Version davon, die Geschichte zu hören? Ist sie informativ? Muss ich unbedingt zeigen, wie viel ich weiß und wie viele Kontakte ich habe?

3. Möchte ich wirklich an der Schädigung des Subjekts teilhaben? Was habe ich davon, jemanden in ein schlechtes Licht zu rücken?

Ich habe mich entschlossen, bei der Weitergabe negativer Energien nicht mehr mitzumachen. Was auch immer in mein Leben, in meine Aufmerksamkeit, in mein Bewusstsein tritt: wenn es nicht zu Gutem beiträgt, entsorge ich es und lasse es verschwinden. Die Schlammflut stoppt hier.

Versuche es mal, auch wenn es nur für einen Tag ist. Was immer dir Kollegen, Freunde, Nachbarn erzählen - wenn es negativ, kränkend, peinlich, demütigend, missachtend, böse oder gemein ist, dann lass es sein, lass es in einem schwarzen Loch verschwinden. Der Schlammflut stoppt hier.

Du wirst die Erleichterung spüren!

 

PS: Die verwendeten Namen sind frei erfunden.

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