Haben Pferde ein Glücksempfinden?

Das Tagebuch des kleinen Donatello Versace

Das Tagebuch des kleinen Donatello Versace

Haben Tiere im Allgemeinen und Pferde im Besonderen ein uns Menschen ähnliches Empfinden für Glück? Wer weiß das schon. Wenn es nach der spannenden und berührenden Geschichte der 15-jährigen Jenny geht, ist die Antwort allerdings klar …

Dezember 2007

Ich sehe nichts. Alles ist dunkel. Ich trau‘ mich nicht zu bewegen. Meine letzte Bewegung tat zu sehr weh. Meine Augen lasse ich auch lieber geschlossen. Sie brennen so sehr. Kommt da jemand? Nein, das war nur die vom Wind geöffnete Tür. Es ist so kalt hier. Schon seit einigen Tagen ist keiner mehr hier gewesen. Mein Magen knurrt. Bald kann ich nicht mehr stehen. Meine Beine halten die Schmerzen nicht mehr aus. Doch plötzlich wird es hell. Die wenigen Lichter dieses Stalles erleuchten meine Augen. Ein Mann kommt zur Tür herein. Er öffnet die Tür meiner viel zu kleinen Box. Er löst mich von dem Strick, an dem ich schon tagelang hänge, ohne mich bewegen zu können. Er schreit. Was will er? Ich habe Angst. Ich spüre den Zug auf meinem Kopf. Ich glaube, er will, dass ich ihm folge. Ich bewege mich langsam hinter dieser grausamen Person her, und wir gehen durch eine Tür. Ich habe noch immer große Angst. Ich schreie nach meiner Familie, aber niemand antwortet. Auutsch! Jetzt hat mich der Mann geschlagen. Ich versuche nochmals zu schreien, aber da hebt der Mann bereits erneut seine Hand. Ich zucke kurz und traue mich nicht, nach meiner Mami zu rufen. Wir sind im Freien. Es ist noch kälter und es liegt so weißes Zeug auf dem Boden. Ich hänge erneut an meinem Strick. Es ist Morgen und trotzdem düster. Ich sehe zwei Gestalten, die sich gegenüberstehen und mich ansehen. Nun kommen sie zu mir her. Der eine Mann hebt die Hand. Ich zucke fest zusammen und versuche zu entkommen. Ich spüre seine Hand auf meinem Kopf. Es tut nicht weh. Ich öffne meine Augen. Jemand berührt mich am Kopf und es tut nicht weh? Diese Person öffnet meinen Strick und geht mit mir in einen Raum. Er ist klein, aber größer als mein altes Zuhause. Der Mann geht wieder weg und die Tür hinter mir schließt sich.

Eine Stunde oder zwei, ja vielleicht sogar drei Stunden später kommt der Mann wieder herein und öffnet die Tür hinter mir. Ich soll rückwärts durch die Tür hinaustreten. Es ist Abend. Wo bin ich nur? Ich bin nicht mehr an meinem alten „Zuhause“. Die Sterne stehen am Himmel. Wieder liegt dieses kalte weiße Zeug am Boden, aber es sieht anders aus als zuhause. Es sieht schön aus. Der Unbekannte führt mich an meinem Halfter in einen anderen Raum. Er ist groß, und in dem Raum ist Heu und Stroh. Der Boden tut nicht weh. Ich beginne zu fressen und merke, wie mein Bauch langsam nicht mehr schmerzt. Der Mann verlässt den Raum, und ich schlafe kurz darauf ein.

Der nächste Morgen. Ich öffne meine Augen. Was ist das? Sind das neben mir auch Pferde? So wie ich? Sie sehen so hübsch aus. Ich kann sie nicht richtig erkennen, da meine Augen noch so schmerzen. Und was ist das am Boden? Heu? Stroh? So viel? Alles für mich? Ich beginne wieder zu fressen. Es schmeckt so gut. Es ist so hell in diesem Raum. Ich muss immer wieder aufsehen. Ich kann es nicht glauben. Neben mir steht ein Pferd. Es sieht glücklich aus.

Dezember 2008

Es ist kalt. Aber nur draußen im Freien, denn in meiner Box habe ich es trotzdem schön kuschelig warm. Jeden Tag, wenn die Sonne auf- und untergeht, kommt ein kleiner Mann und gibt mir etwas ganz Gutes zu fressen. In der Nacht schlafe ich auf weichem Stroh. Und tagsüber stehe ich mit meinen Freunden auf der Koppel und fresse Heu oder Gras. Ich spiele oft mit meinen Freunden. Ich habe auch schon einen besten Freund. Er sieht aus wie ich – sagen die Anderen, aber ich finde, er ist viel hübscher. Er spielt immer mit mir fangen und meistens gewinnt er. Manchmal ist er böse auf mich, weil ich ihn gezwickt habe, aber dann vertragen wir uns schnell wieder. Und die Mädels auf meiner Koppel ärgere ich immer. Ich lache sie immer aus und kneife sie in ihren Hintern. Lobbe, mein Bester, sagt, ich solle das lassen. Ich verstehe das aber nicht. Ich glaub‘, er mag die Blonde und die Gescheckte, aber er gibt’s nicht zu. Lobbe ist veerrliiebt… Naja, ich werde es schon aus ihm herauszwicken.

Meine Augen tun auch nicht mehr weh. Oft müssen meine Augen noch weinen, obwohl ich nicht traurig bin. Aber das tut nicht weh. Und jeden Tag kommt ein Mädchen, wischt mir die Tränen weg und gibt mir einen Kuss auf meine Stirn. Das ist voll doof. Dann lachen mich immer alle aus, aber trotzdem hab‘ ich sie lieb. Manchmal kommt sie auch zu mir in die Box und putzt mich, bevor ich auf die Wiese komme. Das tut richtig gut. Da fühl‘ ich mich dann immer so gut, dass ich mich auf der Wiese hinhaue und ganz oft hin und her wälze.

Ich vermisse meine Mama und meinen Papa, aber mein bester Freund ist schon fast wie ein großer Bruder für mich, und wenn er da ist, dann freu‘ ich mich immer und vergesse ganz schnell, was einmal war. Ich hab‘ ihn so lieb.

November 2009

So schön warm war es, und jetzt kommt wieder die Kälte. Ich bin nur froh, dass es dieses weiße kalte Zeugs noch nicht gibt, das immer am Boden herumliegt. Ich hab‘ auch eine neue Freundin. Sie steht auf der Nebenkoppel und schaut immer zu mir rüber. Sie ist ganz süß, aber das sag‘ ich meinen Freunden besser nicht. Die können sie alle nicht ausstehen.

Ich bin jetzt so ziemlich gesund. Eigentlich fehlt mir nichts, soweit ich weiß. Und seit circa einem Monat machen zwei Mädchen etwas ganz Lustiges mit mir. Sie nehmen mich an einen Strick - aber ohne, dass es schmerzt wie früher - und gehen mit mir auf einen Platz mit ganz viel Sand und Hütchen zum Spielen. Dann lassen sie mich los, und ich darf mit meinen Freunden ganz doll herumlaufen. Und dann muss ich an einem ganz langen Strick im Kreis gehen. Vor einer Woche oder so hab‘ ich dann ein komisches Ding auf meinen Rücken bekommen, das unter meinen Bauch durchgeht. Das Ding ist ur-komisch, aber ganz leicht und lustig durch den Sand zu tragen. Wir sind ganz viel mit diesem Ding spazieren gegangen. Das war ein Spaß. Und danach sind wir wieder in den Sandkasten gegangen, und das eine Mädchen hat sich auf meinen Rücken gesetzt. Sie ist schon ein bisschen schwerer als das Dings, worauf sie auf mir sitzt. Aber ich hab‘ sie so lieb, dass ich sie gerne trage. Wir sind dann zusammen auf dem Sand spazieren gegangen, und uns allen hat das sehr gefallen.

Mai 2010

Mittlerweile geht das Mädchen schon ganz große Runden mit mir spazieren. Natürlich sitzt sie oben drauf auf mir. Es ist so lustig, weil fast immer mein bester Freund mitkommt. Manchmal geht auch die Gescheckte mit. Aber sie redet nicht viel. Und wir gehen auch oft auf den Sandplatz. Da gehen wir dann im Kreis spazieren. Mein Mädchen sagt mir dann, was ich machen soll und ich mach‘s. Ich glaub‘, sie will manchmal, dass ich etwas anderes mache, als ich tatsächlich tue. Aber sie ist mir nie böse. Wenn ich brav war, darf ich sogar mal mit den Hütchen auf dem Sandplatz spielen. Und ganz ehrlich – ich glaub‘, sie mag es, wenn ich meinen Kopf nach unten strecke. Und wenn sie lieb zu mir ist, mach‘ ich das auch immer, weil sie sich dann so freut.

Letzte Woche sind wir – mein bester Freund und ich – in einen kleinen Raum gegangen und als wir wieder ausstiegen, waren wir woanders. Ich hab‘ mich so gefreut, als ich mein Mädchen wieder gesehen habe. Sie war so glücklich, und da dachte ich mir, dass schon alles gut wird und ich keine Angst haben muss. Dort hat sie mir dann das Ding auf den Rücken geschnallt, sich rauf gesetzt, und wir sind auf einen anderen Sandplatz gegangen. Der war auch sehr lustig, nur leider hatte er keine Hütchen, aber das machte nichts. Dann als das Reiten vorbei war, bekam ich so ein blaues Ding auf meinen Kopf, und mein Mädchen streichelte mich ganz viel. Das war toll. Auch mein Bester bekam ein Ding auf seinen Kopf, und sein Mädchen freut sich auch. Dann bekamen wir zu fressen und zu trinken, und später stiegen wir wieder in den kleinen Raum ein. Nach einigen Stunden kamen wir erneut aus dem Raum heraus. Wir sind gleich auf die Wiese und haben alles den anderen erzählt, aber die meinten nur, dass sie das auch schon mal gemacht hätten. Trotzdem war das für mich etwas ganz Besonderes.

Jenny Mrazek
JungReiterTeam Tullnerfeld

 

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