Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab! (Marc Aurcel)

Achtsamkeit

Klaras lange Reise zu den Scilly-Inseln von Reinhold Kusche

Ein Beitrag von Reinhold Kusche, Autor des Überraschungserfolgs „Klaras lange Reise“

Unter Achtsamkeit wird in der Alltagspsychologie meist Aufmerksamkeit verstanden. ›Aber auf was soll ich meine Aufmerksamkeit denn richten?‹, höre ich bereits den einen oder anderen Leser in Gedanken sagen. ›Ich bin doch aufmerksam!‹

Jedoch, wer kann von sich schon behaupten, gegenwärtig zu sein? Glaubst du wirklich, dass du stets mit deiner vollen Aufmerksamkeit bei der Sache bist? Während du diese Zeilen nun liest, lauschst du vielleicht mit einem Ohr auf die Musik, die im Hintergrund säuselt. Oder du beobachtest in den Augenwinkeln deine Kinder, die auf dem Teppichboden spielen.

Achtsamkeit bedeutet für mich, ganz im Hier und Jetzt zu sein und sich seiner Gefühle, Gedanken und Handlungen in jedem Augenblick voll bewusst zu sein. Ich halte es für außerordentlich wichtig, Achtsamkeit zu einer das ganze Leben prägenden und durchdringenden Geisteshaltung zu machen.

Wenn ich mir bewusst bin, dass ich der Kapitän auf meinem Boot bin, der durch die Beschaffenheit meiner Gedanken meine Gefühle erschafft, dann wird auch verständlich, aus welcher Motivation das Bestreben rührt, meinen Gedanken die volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Um dies zu illustrieren, führe ich einmal eine Sequenz aus ›Klaras lange Reise‹ an, aus der ein veränderter Blickwinkel ein anderes, neues Erleben erzeugt. Klaras Vater Jason wuchs in dem Glauben auf, dass der Stich einer Libelle tödlich enden kann. So verwundert es nicht, dass ihn der Anblick eines solchen Tieres in helle Aufregung versetzt, mitunter sich sogar in Panikattacken äußert. Nachdem dieses „Angst einflößende Insekt“ über seinen Kopf hinweggeflogen war, ergab sich folgender Dialog zwischen der Tochter und ihren Eltern (Auszug aus dem Kapitel „Au-pair … oder Freude und Schmerz liegen oft eng beisammen …“).

»Hattet ihr keine Angst vor diesem riesigen, fliegenden Insekt?«, fragt er verwundert, während er noch völlig außer Atem Luft holt. »Ihr seid ja die Ruhe selbst gewesen!«

»Wieso hätten wir deiner Meinung nach Angst haben sollen?«, zuckt Klara vorsichtig fragend die Achseln. Jasons Aufregung kann sie immer noch nicht einordnen.

»Weil die Dinger stechen können und so ein Stich kann unter Umständen tödlich sein!«, verkündet Jason ernsthaft überzeugt von der Richtigkeit seiner Aussage.

Klara und Sarah schauen sich ungläubig an, schütteln wie auf Absprache den Kopf und lachen lauthals los.

»Wer hat dir dieses Ammenmärchen denn auf die Nase gebunden?«, versucht Sarah, immer noch lachend, verständlich zu formulieren.

»Ich weiß wirklich nicht, was es da zu gackern gibt!«, zischt Jason mit hörbarem Keuchen. Mit einem Ausdruck der Empörung schmettert er: »Meine Eltern haben mir dies natürlich erzählt!«

»Und das hast du all die Jahre über geglaubt? Das ist schier ein unglaublicher Gedanke, den du da jahrzehntelang gepflegt hast. Ein Wunder, dass mir dies niemals aufgefallen ist! Aber wie auch? Uns ist noch niemals zuvor gemeinsam eine Libelle über den Weg gelaufen, oder genauer gesagt geflogen«, wundert sich Sarah mit einem wohlgefälligen Grinsen. Sie ist bemüht, ernst zu wirken, jedoch kann sie den Ausdruck des höhnischen Gelächters nicht unterdrücken.

»Dad, das haben wir bereits in der Schule gelernt, dass Libellen nicht stechen können. Und somit ist es auch nicht möglich, dass solch ein Stich für einen Menschen zu einer tödlichen Gefahr werden könnte!«, klärt Klara ihren Dad mit einem gönnerhaften Ton auf.

»Wirklich?«, schüttelt Jason mit grimmiger Miene den Kopf. Er holt einmal tief Luft und schnauft durch, bevor er sich erschöpft auf die Bank neben Sarah fallen lässt. »Seid ihr da absolut sicher? Ich glaube es nicht!«

»Ja, das sind wir!«, ertönt es überzeugt unisono.

»Es gibt keine einzige Libelle, die einen Stachel hat. Es gibt nur einige wenige Weibchen, die einen sogenannten Legebohrer haben. Doch der ist so gestaltet, dass er eine menschliche Haut niemals durchstechen könnte«, rezitiert Klara stolz ihr noch frisches Schulwissen.

»Ich kann es immer noch nicht glauben!«, wiederholt sich Jason, von dem die Angst so langsam wie ein Schleier, der sich in Luft auflöst, abfällt. »Da bin ich ja bis zum fünfundvierzigsten Lebensjahr einem völlig falschen Glauben aufgesessen. Ich könnte euch unzählige Szenen erzählen, in denen ich beim Anblick einer Libelle panikartig die Flucht ergriffen habe. Und warum? Weil ich glaubte, die stechen! Und dabei stechen sie nicht einmal!« Er hält kurz andächtig inne, als erinnere er sich an all die Szenen, während der er panikartig die Flucht vor diesen Tieren ergriffen hatte. »Womit auch?«, verfällt er achselzuckend ins Grübeln.

Klara klopft ihm besänftigend auf die Schulter: »Dad, ich kannte dich bisher nur mit der Einstellung: ›Ich glaube nur, was ich sehe!‹ Doch ich denke, ab heute sollte deine Einstellung besser lauten: ›Ich sehe nur, was ich glaube‹!«, verkündet Klara breit grinsend. »Du glaubtest, stechende Killerlibellen zu sehen und hast daher ungeheure Ängste entwickelt!«

Doch nun zurück zur Achtsamkeit...

Image of Kusche, R: Klaras lange Reise
Autor: Reinhold Kusche
Publisher: Spielberg Verlag (2009)
Binding: Taschenbuch, 241 pages
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